preview_1_292Husaberg hat seit nunmehr zwei Jahren die aktuellen FE Modelle im Programm. Motorräder, die mit einem ungewöhnlichen Neigungswinkel des Zylinders daher kommen. Deren Masse extrem zentral gebündelt ist, und von denen der Hersteller behauptet, dass Motor und Chassis bahnbrechende Neuerungen in Enduro Segment darstellen. Wir fanden uns in der glücklichen Lage zwei der drei Viertakt Modelle einem ausgiebigen Test im Einsatzgebiet zu unterziehen. Die handliche FE 390 und die Wettkampfmaschine FE 450. Schauplatz unseres Husaberg Ausfluges war der Nordhang des Gardasee. Eine Gegend, in der man normal nicht abseits der Straßen fahren sollte. Doch unser Reiseführer hatte für jeden von uns eine Genehmigung ausstellen lassen, die wir sorgsam gefaltet mit uns führten. Man muss dazu sagen, dass egal wo wir entlang fuhren, uns immer das gleiche freundliche Winken erwartete. So sind die Italiener - freundlich zu jedem der ein Zweirad im sportlichen Stil an ihnen vorbei bewegt. Wenn mal jemand mit uns maulte, dann verstanden wir ganz genau was er zu uns sagte. Die einzigen die meckerten sprachen Deutsch.

Die Gruppe

Zwei erfahrene Hasen im Endurosport, ein Gelegenheits-Endurofahrer, der es sehr wohl gewohnt ist mit Stollen durch den losen Untergrund zu pflügen, und ein stinknormaler Landstraßenfahrer - das war die Mannschaftsaufstellung für den besagten Ausflug. Jörg Steenbock und Jörg Szillat haben schon einiges an Wettkämpfen gefahren. Steenie war zu seinen Glanzzeiten sogar schon Vize-Europameister gewesen. Rutzl, unser MotoMonster Layout Gott, kam ursprünglich vom Endurofahren zum Crossen und ist nun beim Supermoto gelandet. Doch auch da ist der Offroad sein Ass im Ärmel, was auf seinen Skill hinweist. Der Landfstraßen-Nurd, das bin ich - der Verfasser dieses Textes. Daten und Fakten zu den Maschinen findet man ja schon im Querformat, weswegen ich mir heraus nehme diesen dreitägigen Trip aus meiner Anfänger Sicht zu schildern.

Vorbereitungen

Treffpunkt Park & Ride, irgendwo im Süden der Republik. Wir hocken uns zu einem gut gelaunten Jörg Steenbock in den Sprinter und stellen mit Begeisterung fest, dass der Mann auf alles vorbereitet ist. Brezn und Leberkässemmeln liegen für uns bereit. Irgendwie haben die anderen beiden keinen Hunger, weswegen ich ihnen die Scheu raube und zu essen beginne. Der Weg zum Gardasee ist lang, doch die Wegzehrung überlebt bloß 30 Minuten - zumindest mein Anteil. Mit der Vorstellung, dass einer von den zwei anderen seine Ration vielleicht nicht schaffen würde, machte ich mir Mut. Aber daraus wurde nichts. Etwa sechs Stunden später kommen wir am Gardasee an, wo unser Fremdenführer schon auf uns wartet. Jörg Szillat scheucht uns mit unserem Sprinter auf gut 500 Meter Höhe in den Berg hinein. Die Kulisse ist atemberaubend schön, auch wenn es regnet. Auf dem Weg nach oben wird der Plan für den Tag fest gezurrt. Wenn wir am Hotel sind und alles ausgeladen haben, dann schauen wir ganz schnell nach was zu Essen und dann geht es los zur ersten kleinen Besichtigungsrunde. Steenbock fragt mich, für meinen Geschmack ein wenig zu beiläufig, wie ausgeprägt meine Enduro Erfahrungen seien. „Ich bin schon mal über nen Acker gefahren, war toll!“ gebe ich kleinlaut zu. Mein Satz wird mit einem Grinsen und der Antwort „Da machen wir heute mal noch langsam.“ quittiert. Ich glaube was ich höre und helfe eifrig beim Ausladen. Da keiner von uns an der Wetterlage Schuld sein wollte, aßen wir alle fein unsere Teller leer, um uns dann in die Enduro-Ausrüstung zu stürzen.

Start zur ersten Tour

preview_2_292Das fängt ja super an. Ich bin aufgrund meines massiven Knochenbaus mit Sicherheit der schwerste in der Truppe und bekomme die 390er vor die Nase gestellt. Mir egal. Ich bin beim Anblick der steilen Hänge und Felsen eh ein wenig aufgeregt. Wir sind noch keine zwei Minuten unterwegs, da schnurrt der Leitwolf einen Weg hoch, der nie und nimmer für Motorräder gedacht ist. Mein Straßenfahrerherz warnt mich, dass es viel zu steil sei. Doch als auch noch Kollege Rutz wie an der Schnur gezogen dort hoch prescht, ereilt mich die Gewissheit: ,Du musst da hoch Junge, koste es was es wolle!‘ Wenig später denke ich mir dann, schon fast ein wenig hochnäsig, wie einfach der kurze Aufstieg da eben war. Aber ich hatte mich ja überwunden - etwas das ich während der kommenden drei Tage wohl noch öfters tun würde. Hätte ich zu dem Zeitpunkt allerdings geahnt, wie oft es Überwindung bedarf, und wie sehr sich die Schwelle potenzieren würde, hätte ich die Kiste wohl abgestellt, mich in die Ecke gesetzt und geschmollt. Oder kurz gesagt, ich hätte was verpasst.

Almauftrieb

preview_3_292 Der Hang, welcher den Gardasee im Norden eingrenzt, erreicht an der höchsten Stelle knappe 2000 Meter. Dort sollte es hoch gehen - einmal über den Kamm und wieder runter. Was freute ich mich auf das WIEDER RUNTER! Wir fuhren Passagen, bei denen der geübte Endurist wahrscheinlich darin verfällt die wunderschöne Landschaft und vor allem den Blick auf den See zu genießen. Ab und an, wenn mal nicht gerade kindskopfgroße Felsen mich durchschüttelten und ich mich endlich wieder auf der Sitzbank niederlassen konnte, schaute ich auch hinab. Neben der Idylle fiel mir dummerweise aber auch auf, dass der Steinpfad auf dem wir entlang kraxelten an seiner linken Flanke recht abrupt endete und somit den Blick in den etwa 300 Meter tiefer gelegenen Wald frei machte. Wir fuhren Serpentinen die sicher der Teufel in den Hang gemeißelt hat. Einen Großteil der Strecke bewältigten wir im dritten Gang, um zügig über das Geröll und die Felsschuppen hinweg zu kommen. Das hatte ich schnell lernen müssen. Setzen und Durchatmen war mir nur selten gewährt. An breiten Stellen hatte Luzifer uns gnädige 3 Meter bis zum Abgrund eingeräumt. Wenn es haarig wurde auch schon mal bloß einen Meter. Im Nachhinein betrachtet verblüfft es mich, wie schnell man sich mit Dingen abfinden kann. Bei dieser drei Stunden dauernden Tour hatte ich sicherlich 100 Mal den Gedanken an Kapitulation im Schädel. Da man dort oben aber viel zu sehr mit Fahren beschäftigt ist, verwarf ich die Gedanken aber schnell wieder. Volle Konzentration ist gefragt.

Video Pässe

Rutschpartie bergab

Nachdem wir uns auf dem Gipfel mit einem vorzüglichen italienischen Espresso gestärkt hatten, schlüpften wir wieder in unsere durchnässten Klamotten und traten den Weg nach unten an. Rutzl hatte nichts besseres zu tun, als mir den wohl dämlichsten Tipp aller Zeiten zu geben: „Arsch nach hinten und lass die Pfoten von der Vorderbremse.“ Gut die Hälfte der Abfahrt hielt ich mich daran. Immerhin hatte Markus schon einige Enduro Wettkämpfe mitgefahren und er würde schon wissen was er da riet. Immer wieder fing ich mein Motorrad mit akrobatischen Glanzleistungen ein. Driftete ungewollt, den Lenker im Anschlag um die Ecken und hoffte inständig nicht übers Ziel hinaus zu schießen. Irgendwann war es dann soweit und ich packte die Husaberg zu Boden. Hätten wir diese Szene gefilmt, wäre das traumhafter Inhalt für irgendeine Pannenshow im Fernsehen gewesen. Schnell den Bremshebel wieder in Position rücken, Gasgriff checken und wieder drauf auf den mittlerweile lieb gewonnenen Hobel. Ab nun würde ich auf mein eigenes Verständnis der Physik vertrauen und die vordere Bremse einsetzen. Siehe da es klappte. Rutzl redete sich anschließend raus, indem er beleidigend wurde: „Natürlich ziehe ich die Vorderbremse. Aber bei Deiner Grobmotorik dachte ich es sei besser wenn du den Hebel gar nicht erst anpackst.“ Vielen Dank Herr Kollege. Stattdessen schlitterte ich, den Popo wie eine läufige Schimpansendame nach hinten gestreckt, von einer Ecke in die andere.

Quer durch den Wald

Als Szillat meinte, dass wir nun eine ganz besondere Übung einbauen, ahnte ich Furchtbares. Es sollte einmal quer durch einen bewaldeten Hang gehen, um an einem Felsvorsprung den Ausblick zu genießen. Die drei Enduro-Fritzen fuhren vorne weg und ich schärfte meine Sinne. Die warteten doch nur darauf, dass ich in der Hälfte des Weges aufgebe. Nix da Jungs! Schulterslalom könnte man es nennen. Einen Baum nach dem anderen irgendwie umfahren und dabei Schwung halten. Rutz steckte schon fest, ich peilte an, verfehlte ihn aber nur knapp. Ein klassisches Überholmanöver. Hier trennte sich die Spreu vom Weizen und ich war den ehemaligen WM Piloten auf den Fersen. Ich würde jeden Moment... ich steckte fest - zu weit ausgeholt, zu viel Schwung verloren! Szillat war schnell parat und riet zur absoluten Ruhe. „Füße auf den Boden, nur die Kupplung kommen lassen und mit wandern! TRAKTION, TRAKTION!“ Ja da fress ich doch nen Besen! Das Dingen marschierte wie ein Uhrwerk, ich hockte gemütlich drauf, zählte die Kolbenschläge und schob ein wenig mit den Füßen an. Mann ist das einfach! Loser Waldboden und gefühlte 90 Prozent Steigung werden zum Kinderspiel. Schnell noch den Weg zwischen zwei Felsen gebahnt und Stop - Ziel erreicht! Zwar nicht ganz, aber die letzten zwei Höhenmeter befördert Szillat die 390er mehr hüpfend denn fahrend auf den Felsvorsprung. Zur Belohnung darf ich ein wenig ausschnauben und den genialen Ausblick genießen.

Erste Erkenntnis zur Technik

inpage_h_615 Genau dafür, zur optimalen Traktion, die einem solche Aufstiege ermöglicht, sind diese Motorräder gebaut. Wohl keine andere auf dem Markt erhältliche Enduro wurde so bedingungslos eigenständig diesem Credo unterworfen. Keinerlei Rücksicht auf Motocross und Supermoto Performance, sondern den Anspruch, es dem Piloten so einfach als möglich zu machen sein Ziel zu erreichen. Im Mittelpunkt dieser Philosophie steht der außergewöhnliche Motor. Zentraler kann ein Motor in einem Geländemotorrad nicht verbaut sein und noch kultivierter kann man die Bewegungen der rechten Hand kaum in Vorschub umsetzen. Bei Husaberg wendet man folgenden Trick an. Getriebe und Kurbelgehäuse wurden aufrecht gestellt, so dass der Zylinder ungewöhnlicher Weise nicht nach oben, sondern nach vorne weist. Die Theorie hinter dieser Bauweise ist einleuchtend und weiß im Ernstfall zu überzeugen. Durch die hochgesetzte Kurbelwelle findet die rotierende Masse des Motors sich im Zentrum des Motorradschwerpunktes wieder, was das Handling wahrlich positiv beeinflusst. Durch dieses Konzept nimmt man allerdings in Kauf, dass man die Ventile über einen etwas stumpferen Winkel mit Frischluft beaufschlagt, was sicherlich Abstriche bei der Füllung des Brennraumes verursacht. Doch beim Endurofahren zeigt der Einspritzer keinerlei Durchzugsmangel. Im Gegenteil! Mit viel Intelligenz und Fingerspitzengefühl wurden alle Hubraumgrößen nach den Regeln der Kunst eingestellt. Da ist kein Knattern, Schlagen oder Schubloch zu spüren. Nahezu das komplette Drehzahlband kann genutzt werden und es ist immer Leistung parat. Gerade beim Weg über Geröll und den damit verbundenen Vibrationen und Stößen ist das kultivierte Verhalten der Einspritzung ein wahrer Genuss. Auch wer flatterig am Lenker hängt, muss nicht befürchten auch noch zusätzlich von unschönen Lastwechseln heimgesucht zu werden. Laufkultur, Fahrbarkeit und Handling standen wohl an oberster Stelle dieser Entwicklung. Ein Ansatz, der es sogar einem Offroad Vollspacken wir mir ermöglicht quer durch unwegsames Gelände zu kommen.

Wenn große Kinder spielen

preview_7_292 In den kommenden beiden Tagen hatten wir auch kein Glück mit dem Wetter. Die am Vortag gesammelten Erfahrungen halfen mir in zunehmendem Maße Freude zu haben und Hindernisse und Manöver zu genießen. Auch wenn Rutzl und ich jeweils ein kleines Handicap auf unseren Schultern trugen. Wir waren aufgrund unserer Passion ja nun mal dazu verdonnert auch medial etwas mit nach Hause zu bringen. Ich schleppte also entsprechendes Foto-Equipment mit mir rum, während der Kollege seine HD-Drei-Chip-Kamera und etliches an Onboard-Kamera Gedöns im Rucksack hatte.
Jörg Steenbock ist, wohl aufgrund seines fortgeschrittenen Alters, ja schon etwas gelassener unterwegs und hielt sich mit Enduro-typischen Stunt-Einlagen ein wenig zurück. Aber Jörg Szillat war wie ein kleiner Junge, der drei Jahre lang nicht auf den Spielplatz durfte und nun endlich wieder die Gelegenheit bekommt. Sätze wie: „Soll ich da mal runter springen?“, „Da hoch fahren wär doch sicher cool!“, oder „Bin mal gespannt wie ich dort durch komme.“ mündeten meist in Futter für unsere Linsen. Bei Szillats wilden Eskapaden mussten wir dann aber zumeist feststellen, dass wir zu Fuß wesentlich unsicherer unterwegs waren als der Kollege mit seiner Husaberg.

Video Bachbett

Macht Enduro überhaupt Spaß?

Unsere Touren hatten denkbar wenig mit Enduro im Wettkampfstil zu tun. Ab und an, wenn es den Profis zu lahm wurde, dann bogen sie mal ab und suchten Ihren Spaß im Bach, nem Wasserfall, oder felsiger Wildnis. Ab und an machte man sich als Zuschauer ernsthafte Gedanken, ob die Technik das nun wirklich aushält. Doch genau das ist der Anspruch an Fahrzeug und Fahrer in dieser Kategorie. DURCHHALTEN! Aus eigener Sicht kann ich nur meine Empfehlung fürs Enduro aussprechen. Egal wie strapaziös die Tage auf der Husaberg auch waren. Egal wie oft ich dachte, dass ich jetzt keinen Meter mehr weiter fahre. Am Lager angekommen hätte man mir das Grinsen aus dem Gesicht prügeln müssen. Die Freude über das Erlebte und die Tatsache den inneren Schweinehund im Minutentakt überwunden zu haben, schenken einem unglaubliche Zufriedenheit. Am Ende des Tages bekommt man dann nicht einmal mehr mit, wie der Schädel auf das Kopfkissen aufschlägt. Enduro ist anstrengend und macht definitiv Spaß!

Fazit

Wer noch nie Enduro gefahren ist, der sollte es auf alle Fälle mal ausprobieren. Doch Vorsicht, die Suchtgefahr liegt hier ausgesprochen hoch. Bei ersten Ausflügen ist es ratsam mit einem erfahrenen Guide auf Tour zu gehen, genau wie wir es getan haben. Zu den aktuellen Viertakt Modellen von Husaberg bleibt nur ein Satz zu verlieren: Für den Fachmann ein Genuss, für den Anfänger ein MUSS!

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