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>Der zweite Grand Prix dem wir uns in dieser Ausgabe widmen wollen ist vom technischen Aufwand her zwar ein wenig einfacher gestrickt als im Straßenrennsport, kann von der Spannung her aber locker mithalten. Teutschenthal in Sachsen-Anhalt war das Reiseziel der Elite aus MX1, MX2 und der Damen WM. Das Örtchen hatte in den 70er Jahren den ersten Kontakt mit der großen MX-Welt und war nach dem Mauerfall schnell regelmäßige Anlaufstelle für Weltmeisterschaften. Seit 1998 ist der Talkessel fester Bestandteil des WM-Kalender. Zum einen wegen einer vorbildlichen Organisation des Veranstalters MSC Teutschenthal und zum anderen wegen einer grandiosen Bahn. Das Prädikat Wertvoll zählt hier für Piloten und Zuschauer. Die Popularität der MX Weltmeisterschaft hinkt der des Straßensports um einiges hinterher. Wir meinen allerdings: zu Unrecht. Wer den Wahnsinnigen mal bei ihrer 40 Minuten dauernden Hatz (Renndistanz: 35 Minuten plus zwei Runden) zugeschaut hat, der versteht nicht, wie Mensch und Material das aushalten konnten. Doch nach einem Rennen ist noch lange nicht Schluss. Jede Klasse fährt an einem Wochenende zuerst zwei Trainings, danach ein Qualifikationsrennen und Sonntags dann zwei Wertungsläufe. Wer über beide Rennen das beste Gesamtergebnis vorzuweisen hat, ist Gewinner des Grand Prix.

Es ist mit Worten schwer zu beschreiben. Man muss es einfach gesehen haben, um den Zauber des MX-Sports im Ansatz verstehen zu können. MX könnte man als Kickboxen auf Motorrädern durchgehen lassen. Nicht dass die Teilnehmer sind stets auf die Mütze hauen. Das nicht, aber es geht einfach zur Sache. Da wird nicht gemeckert, wenn der eine dem anderen in die Kiste fährt. Körperkontakt gehört sowieso zum guten Ton. Schließlich muss man sich ja Respekt und vor allem einen Vorsprung verschaffen. Wenn im MotoGP ein Fahrer dem anderen einen Blockpass verpasst, dann wird darüber debatiert, man ist sich böse und unter Umständen schreitet sogar die Rennleitung ein. Beim Motocross sieht das etwas anders aus. Wäre Eishockey nicht eher auf dem Planeten gewesen, dann hätte man den besagten Blockpass wohl beim Motocross erfunden. natürlich gibt es auch in diesem Sport Mimöschen, aber die wird man nie und nimmer bei einem WM-Lauf antreffen. Auch in dieder GP-Vorstellung gehen wir kurz auf die Klassen ein, bevor der damals frische Rennbericht von Christoph Klee zu lesen ist.

MX1 - die Eigentlich-450er Klasse

Wieso eigentlich 450er? Die Motocross Maschinen in dieser Gruppe sind modifizierte Seriencrosser. Im besten Fall Vorserienmodelle die dann im kommenden Jahr in etwas günstigerer Form im Laden zum Kauf angeboten werden. Man setzt durch die Bank auf Viertaktmotoren und außer Aprilia, die einen Zweizylinder am Start haben, wird ein Zylinder befeuert. Der maximale Hubraum liegt bei 450 Kubikzentimetern. Eine Regel, die in diesem Jahr von einem Fahrer unterboten wurde. Antonio Cairoli schaffte es mit einer 350 Kubik-Maschine von KTM an die Spitze der Meisterschaft und gewann den ersten MX1 WM-Titel für die Österreicher. Zugunsten der Fahrbarkeit und des Handlings, ließ KTM sich auf weniger Leistung ein und verbannte erstmals seit Jahren das PDS-Federbein, welches die Schwinge direkt ansteuert, um es wie üblich gegen ein umgelenktes System zu ersetzen. Der Erfolg gab der Entwicklungsmannschaft um MX-Ikone Stefan Everts recht und Cairoli rockte das Ding. Mit einer der Top-Leute in der MX1 ist der Deutsche Max Nagl. Ein verletzungsbedingter Ausfall warf den Bayern für zwei komplette Rennen aus der Bahn, weswegen er seinen Vizetitel von 2009 nicht verteidigen konnte. Doch Rang vier ist auch sehr beachtlich.

MX2 - New Kids

In der MX2 darf man mit 15 Jahren erst starten, muss aber mit dem Abschluss des 23ten Lebensjahres einen Weg in die MX1 gefunden haben. Vergangene Saison scharrte ein kleiner Mann aus Mattstedt bei Apolda mit den Hufen. Er wurde erst im Verlauf der Saison 15 und musste auf seinen ersten Einsatz in der MX2 Weltmeisterschaft warten. Doch kaum war Ken Roczen drin, im zarten Alter von 15 Jahren und 53 Tagen, gewann er auch schon seinen ersten GP. Es war sein Heim-GP in Teutschenthal und mit dieser Leistung steht er aktuell als jüngster MX-GP Sieger aller Zeiten in der Statistik. Roczen fightete dieses Jahr um die Meisterschaft, musste sich allerdings mit dem Vizetitel zufrieden geben. Der Franzose Marvin Musquin holte zum zweiten Mal in Folge den Titel und bescherte KTM somit das zweite Meisterkrönchen. 2011 wird Roczen sich von seiner bis dato heiß geliebten Suzuki trennen und auch bei Orange unter Vertrag stehen.

Damen MX

Die Damen fahren nach dem gleichen technischen Reglement wie die MX2, sind also auch auf 250ern unterwegs. Und auch hier waren die Österreicher überaus erfolgreich. Stephanie Laier machte das KTM-Hattrick komplett und holte den Titel der Damenweltmeisterschaft wie schon im Vorjahr nach Deutschland.

Aufwand in der Motocross WM

Das Fahrerlager in der Motocross WM ist auch sehr imposant, ohne Zweifel! Aber alleine das Umfeld lässt Ausmaße wie in der MotoGP nicht zu. Befestigter Boden ist eine Rarität, die Strecken sind zudem wesentlich kleiner als die riesigen Rennstrecken im Straßensport. Von der Technik her ist in einem Motocross Motorrad schon vom Serienstand her einiges geboten. So wesentlich sind die Änderungen an einem GP Boliden in dem Falle nicht, Leistung ist nicht das ausschlaggebende Kriterium, weshalb Aprilia seinen Zweizylinder auch nicht wie einen solchen einsetzt. Der Fahrbarkeit halber zünden die Italiener in der WM beide Brennräume gleichzeitig und simulieren dadurch einen Einzylinder. Gewicht und Fahrwerkskomponenten sind die große Nummer beim MX. Um den Piloten die lange Renndistanz zu erträglich wie möglich zu machen ist ein besionders leichtes und handliches Motorrad das A und O.

Rennbericht von Christoph Klee

Am 19. Juni 2010 trafen sich die Fahrer der FIM Motocross Weltmeisterschaft pünktlich zur Sonnenwende im Teutschenthaler Talkessel, um die Halbzeit der laufenden Meisterschaft einzuläuten. Wie auch schon letztes Jahr, wohnten rund 35.000 Zuschauer dem Event der Extraklasse bei. In der 450er Klasse MX1 stand Max Nagl als Vertreter der deutschen MX Elite am Start. In der 250er Klasse MX2 stand der Local Hero Ken Roczen Gewehr bei Fuß. Beide auf Sieg getrimmt. Dabei war bis Freitag früh noch gar nicht so sicher, ob Max Nagl nach seinem 14 Tage zuvor beim französischen GP in St. Jean d ́Angely erlittenen Schlüsselbeinbruch überhaupt am Rennen würde teilnehmen können. Wir erinnern uns zu gerne an letztes Jahr: In der Damen WM siegt die spätere Weltmeisterin Stephanie Laier überlegen vor der hübschen Larissa Papenmeier, Maria Franke komplettiert auf Position 3 das deutsche Fahnenmeer oberhalb der Siegerehrung. Nach dem furiosen 3-fach Podium bei den Damen, gewinnt Maximilian Nagl den letzten MX1 Lauf im Talkessel und der erst 15 jährige Ken Roczen holt sich verdient den Siegerpokal und gewinnt damit vor heimischem Puplikum seinen ersten MX WM Siegerpokal. Nebst zahlreicher Glückstränen wird dieser mit reichlich Champagner begossen. Doch dieses Jahr sollte es anders sein. Das MX1-Topteam von KTM mit dem deutschen Motocross-Superhelden Max Nagl, sowie Weltmeister Toni Cairoli, konnte in Teutschenthal seine gewohnte Überlegenheit nicht ausspielen. Das Geburtstagskind Ken de Dycker beschenkte sich selbst mit einem Doppelsieg auf der Semi-Werks-Yamaha.

MX1 Lauf 1

07-Teutschenthal_2Ich traue meinen Augen nicht: Holeshot für Xavier Boog, der sich erst in Runde 3 dem auffallend schnell fahrenden Clement Desalle beugen muss. Nach einem Sturz von Desalle sticht Boog aber zu, Rang 1. Nur eine Runde später brannte Ken de Dycker in Führung und gab diese auch nicht mehr her. Zweiter wird Philippaerts vor Desalle, der seinerseits noch an Boog vorbeizog. Max Nagl fuhr, gerade mal zwei Wochen nach seinem Schlüsselbeinbruch beim französischen Motocross-GP, unter starken Schmerzen. Mit seiner bärenstarken Werks-KTM 450 schaffte er es auf einen beachtlichen fünften Platz. Cairoli hingegen geriet beim Start des ersten Laufs mit Tanel Leok aneinander und musste sich durchs Feld pflügen, am Ende Platz sechs.

MX1 Lauf 2

Wie so oft tönte auch dieses mal über den Lautsprecher: Hooooooleshot - Nagl! Der Berg bebt, die Zuschauer flüchten erneut ins Gänsekostüm, doch die Schmerzen übernehmen Nagl ́s Körper und Boog die Führung des Rennens. Max fällt in einer Runde bis auf Rang 6 zurück. Derweil ist der amtierende Weltmeister Antonio Cairoli auf Rang 2 vorgefahren, der sich aber bald Ken de Dycker geschlagen geben muss, welcher an diesem Wochenende einem unaufhörlichen Vorwärtsdrang verfallen zu sein scheint. Ob es daran lag, dass de Dycker an jenem Tag seinen 26ten Geburtstag feierte? Auf jeden Fall machte er sich damit selbst das größte Geschenk. Er gewann den zweiten Lauf vor Antonio Cairoli und Clement Desalle. Max Nagl erreicht als siebter das Ziel und war von Schmerzen gezeichnet. Auf dem Podium landeten auf der Doppelsieger Ken de Dycker, auf Rang 2 Clement Desalle und auf Platz 3 David Philippaerts. Der Italiener Antonio Cairoli vom Red Bull KTM Factory Racing MX1 Team wurde trauriger Vierter. Er darf aber trotzdem weiterhin die rote Nummertafel ausführen.

MX2 Qualirace

Dieses Jahr bebte der Talkessel bereits am Samstag. Die vielen Zuschauer sahen das wohl spannendste Qualirennen des Jahres. Hauptakteure dabei: der 15-jährige Jeffrey Herlings und der 16-jährige Ken Roczen. Selten trennte die beiden mehr als eine Motorradlänge. Unfassbar, wie abgeklärt der führende Herlings sich den Angriffen von Roczen erwehrte. Gibt es etwa einen neuen Airoh Helm mit versteckter Rückspiegelfunktion? Ken Roczen zeigte, dass er voll auf der Höhe ist. Der packende Zweikampf zwischen Ken und dem 15-jährigen Jeffrey Herlings aus den Niederlanden sorgte für ausgelassene Stimmung beim Publikum. Ein weiteres Highlight war der Fight zwischen Steven Frossard und Jeremy van Horebeek, die förmlich aneinander klebten. Der Kommentarstil von Tommi Deitenbach setze dem ganzen noch die Krone auf.

MX2 Lauf 1

Ken hatte sich nach dem erlittenen Pech der letzten Rennen eine Wiederholung des letztjährigen Triumphes fest vorgenommen. Dem guten Start folgte jedoch bald ein Problem mit der Brille. Bei Herlings liefs nicht besser. Er mußte nach gewonnenem Start Tempo rausnehmen und tauchte schließlich in Runde 14 nicht mehr auf dem Monitor auf. Der in der WM führende Marvin Musquin machte den Sack ohne Bedrängnis zu und holte sich den Sieg vor van Horebeeck, Frossard und dem immer stärker werdenden Amerikaner Zach Osborne. Ken Roczen hatte ohne Brille keine Chance mehr seinem Erzrivalen, Weltmeister und Tabellenführer Marvin Musquin auf der Werks-KTM den Sieg streitig zu machen. Am Ende konnte er jedoch immerhin Platz 5 ins Ziel retten.

MX2 Lauf 2

07-Teutschenthal_6Mit konzentrierter Wut holt sich Ken den Holeshot, lässt in den ersten drei Runden nichts anbrennen und zieht dem restlichen Feld auf und davon. Laufsieg bei seinem Heim-GP mit einem Vorsprung von sage und schreibe 26 Sekunden vor Musquin, der in dieser Saison schon ganze zwölf WM-Rennen gewonnen hat. Musquin hielt das Tempo in diesem Lauf nicht, und erreichte in gebührendem Abstand zum Sieger als Zweiter das Ziel. Osborne komplettiert als Dritter das Podium. Nach diesem Erfolg dürfte der WM-Titel 2010, trotz einem relativ großen Abstand von 77 Punkten auf Titelverteidiger Musquin noch nicht außer Reichweite sein. Marvin Musquin sicherte sich den Gesamtsieg. Erfolg Nummer 7 in dieser Saison für den Franzosen. Chapeau! Gesamtzweiter wurde Ken Roczen der Vorjahressieger des Deutschland GPs. Der Bike-It Cosworth Yamaha Pilot Zach Osborne wurde Gesamtdritter und holte nun bereits drei Mal in Folge eine Podiumsposition. Die Kawasaki CLS Fahrer Steven Frossard und Jeremy Van Horebeek ergänzten die Top Five. Jeffrey Herlings, der das Quali - Race dominierte, fiel im ersten Lauf wegen technischer Probleme aus und im Zweitem wurde er Vierter. Am Ende blieb ein enttäuschender 13. Platz für den Holländer.

Wildcard Fahrer

Normalerweise vergibt der Promoter dem nationalen Verband pro Wertungsklasse zwei Wildcards. Durch die Hilfe von Burkhard Sarholz, dessen verletzter Fahrer Petr Smitka nicht in Teutschenthal an den Start gehen konnte, durfte Lars Oldekamp (Lauf 1 – 27., Lauf 2 - -) also neben Dennis Ullrich (Lauf 1 – 22., Lauf 2 – 3.) und Angus Heidecke (Lauf 1 – 24., Lauf 2 – 28.) in der Klasse MX2 um WM Zähler kämpfen. In der Klasse MX 1 starteten Robert Sturm (Lauf 1 – 33., Lauf 2 - 30), sowie Steffen Albrecht (Lauf 1 – 26., Lauf 2 - 31) mit einer Wildcard.

Damen WM

Larissa Papenmeier Siegte in Lauf 1 souverän vor der in der WM Führenden Stephanie Laier und der Französin Livia Lancelot. In Lauf 2 sprintete die Italienerin Chiara Fontanesi zum Sieg, immer bedrängt von der kleinsten im Feld, Larissa Papenheimer. Dritte wurde wie in Lauf 1 Livia Lancelot. Somit standen auf dem Podium Larissa Papenheimer auf der 1 vor Fontanesi und Lancelot. Die Top Five komplettierten noch zwei weitere Deutsche Fahrerinnen. Ganz knapp das Podium verpasste Stephanie Laier, welche im ersten Lauf den 2. und im zweiten Lauf den 5. Platz erreicht hat. Knapp dahinter mit nur 2 Punkten Abstand landete Maria Franke auf ihrer KTM. Sie holte mit einer konstanten Leistung über das gesamte Wochenende zwei 4. Plätze und in der Gesamtwertung des Wochenendes einen guten 5. Platz. Die rote Nummerntafel bleibt weiterhin fest in deutscher Hand, Stephanie Laier (230 P.) behält diese mit einem komfortablen Vorsprung von 40 Punkten vor Livia Lancelot (190 P) und Larissa Pappenheimer (184 P). Auf Rang 4 folgt die Italienerin Chiara Fontanesi mit 178 Punkten mit nur einem Punkt Vorsprung auf Maria Franke (177 P.). Anne Borchers liegt auf der 18. Position mit 43 Punkten, 30 Punkte vor der letzten Deutschen Fahrerin Kim Irmgartz (13 P) auf dem 24. Rang.

Video der MX1 in Teutschenthal

Video der MX2 in Teutschenthal