15. Juni 2011
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Magazin 2011-03
Zu Besuch bei FLATZ
Dies ist keine typische Motorrad-Story und auch der Mann um den es hier geht ist keiner, den man unbedingt in einem Motorradmagazin erwartet. Allein der Gedanke daran, ein komplettes Portrait von FLATZ veröffentlichen zu können, wäre vermessen. Männern seines Schlags werden in der Regel ganze Bücher gewidmet, welche dann als Biografie in den Bibliotheken zu finden sind. In den kommenden Zeilen schaffen wir es lediglich, ein paar Eckpunkte aus dem Leben eines besonderen Menschen zu zeigen. Daher sollte sich der geneigte Leser jetzt, nachdem er hoffentlich das Layout schon genossen hat und auch mit dem Video durch ist, einfach zurücklehnen und noch ein wenig Zusatzinfos einatmen.
Der kleine Wolfgang
Wolfgang Flatz wurde 1952 im österreichischen Dornbirn als Sohn eines Eisenbahners geboren. Wenn FLATZ von seiner Kindheit und Jugend berichtet, dann fällt er stets auf Erlebnisse mit seinem Vater zurück. Er selbst beschreibt den Umgang als schroff und diktiert – kindliche Fehler wurden dem kleinen Wolfgang meist mit Schlägen heimgezahlt.
Konzert des Grauens
Schon mit zarten neun Jahren verbrachte er die Sommermonate einsam und alleine auf einer Almhütte, um auf das ihm anvertraute Vieh zu achten. Im Folgejahr geschah es dann, dass FLATZ sich ein unfassbar grausames Konzert mitanhören musste. Ein Konzert, das er in seinem ganzen Leben nicht vergessen würde. Nach einem Blitzeinschlag verendete seine komplette Rinderherde in der benachbarten Blockhütte und FLATZ musste das Gebrüll von 156 bei lebendigem Leibe verbrennenden Rindern ertragen. Das Schlimmste war allerdings das Winseln des Schäferhundes, der mit in den Flammen gefangen war.
Die Lehre
Mit 15 Jahren begann Wolfgang dann eine Lehre zum Goldschmied, welche er mit Auszeichnung beendete. Kreativität und handwerkliches Geschick miteinander verbinden zu können, machte für ihn den besonderen Reiz aus. Sein gestalterisches Talent kam während dieser Zeit zum Vorschein.
Genie und Wahnsinn
1974 kam dann der nächste Tiefschlag für den jungen Dornbirner. Nach einem seiner ersten öffentlichen Auftritte wurde FLATZ inhaftiert und in die Psychiatrie eingewiesen. An sich keine große Sache, doch die Androhung, dass man ihn auf dem Kieker habe und er beim nächsten Mal nicht weniger als ein halbes Jahr Anstalt vor sich hätte, ließ FLATZ die Flucht ergreifen. Er wollte raus aus Österreich und nahm München ins Visier.
Nüchterne Erkenntnis im Studium
In München angekommen, studierte er an der Universität Kunstgeschichte und machte sich an der Akademie über die Malerei her. Während des Studiums musste FLATZ jedoch feststellen, dass die "klassische" Bildende Kunst nicht das beinhaltet, was er ausdrücken wollte. Er zog schon von Anfang an die Performance als Ausdrucksmittel vor. Sich selbst sehr provozierend als Kunstobjekt in die Gesellschaft zu projizieren, um diese unbemerkt mit in das Werk einzubinden.
Performance: Treffer (Stuttgart 1979)
So nannte FLATZ seine Performance im Rahmen der "Europa 79" in Stuttgart. Jeder Besucher bekam die Möglichkeit, auf den bis auf eine Sonnenbrille gänzlich unbekleideten Künstler einen Dartpfeil zu werfen. FLATZ durfte natürlich ausweichen und der erste Besucher der einen Treffer landete, wurde mit 500 DM in bar belohnt. Während das Publikum die ersten Versuche noch anfeuerte und in einem Guss der Sensationslust fronte, schlug die Stimmung plötzlich ins komplette Gegenteil um. Der Elfte der es versuchte, traf sein Ziel und FLATZ reichte ihm umgehend die 500 DM in die Hand. Dann wandelte sich die Stimmung schlagartig und das Publikum wandte sich als Mob gegen den Werfer. Dieser wollte danach seinen Lohn nur schnell wieder loswerden. FLATZ und sein Pfeil waren nur das Instrument, um der versammelten Gesellschaft zu präsentieren, wie manipulierbar und populistisch sie ist – die Gesellschaft.
Performance: schuldig – nicht schuldig (Innsbruck 2010)
FLATZ wird dem im Raum versammeltem Publikum in Fesseln und in einer Aufmachung à la Guantanamo Bay vorgeführt. Danach folgen erste Demütigungsriten. Er wird vor versammeltem Publikum kahl geschoren, seiner Kleidung entledigt und mit einem kräftigem Schubs von seiner Assistentin in die Runde geschickt. Ab nun läuft er die vier Seiten des Raumes ab. Am Ende jeder Strecke hängt eine Stahlplatte, an welche er seinen Schädel schlägt. Er beginnt an der ersten Platte mit einem lauten "Schuldig!", schlägt den Schädel an die Stahlplatte, dreht sich um 90 Grad und wandert zur nächsten Platte. Dort beteuert er laut: "Nicht schuldig!", haut erneut den Schädel gegen die Platte und macht sich auf zur nächsten Wand. Nach einer Stunde blutet FLATZ furchterregend und auch die Platten tragen deutliche Merkmale seiner Pein. Einige Zuschauer versuchen FLATZ nun aufzuhalten, versperren ihm den Weg und reden auf ihn ein. Als dann klar wird, dass die Show endet, sobald der letzte Voyeur seinen Durst gestillt hat, verlassen jene, die nicht schuldig sein möchten, den Raum. Dann endlich, nach über zwei Stunden und fast 500 Schädelschlägen, gibt der letzte Hartnäckige, nach einer kurzen Unterhaltung mit FLATZ, auch auf.
Kernaussage und die gesellschaftliche Frage, welche sich hinter dieser Performance versteckten, beruhen auf der kulturellen Prägung unserer Gesellschaft in Bezug auf Schuld und Sühne. Besonders in der Wechselwirkung von Anklage und Verurteilung. Wer ist am Ende der schlechte Mensch, wenn der Verurteilte sühnt, ohne Schuld zu tragen. Eine äußerst umstrittene Arbeit, wegen der er im Bundesland Tirol Auftrittsverbot erteilt bekam und somit neben Marilyn Manson der zweite Künstler ist, dem dies widerfährt.
FLATZ-Museum in Dornbirn
Nach den ersten Zeilen sollte man nun einen Eindruck haben, wie FLATZ so drauf ist. MotoMonster hatte sich in zwei Etappen an FLATZ herangewagt. Den ersten Besuch statteten wir ihm in seinem Museum in Dornbirn ab. Die Stadt selbst war so frei und spendete ihrem verlorenen Sohn ein eigenes Museum. Dies zu Lebzeiten zu erfahren, ist eine große Ehre für einen Künstler. Vor allem klingt es aber befremdlich, wenn dies in dem Umfeld geschieht, in dem einem noch vor einigen Jahrzehnten mit der Klapse gedroht wurde. FLATZ sieht das gelassen: "Ich sehe das nicht als Wiedergutmachung, sondern als Beweis der Entwicklungsfähigkeit eines Landes in seiner Haltung zur zeitgenössischen Kunst und als ein Bekenntnis zu einem Sohn dieser Stadt."
Im Museum angekommen stürzten wir uns sofort auf einen der drei Räume – den Raum mit den "Physical Sculptures".
Physical Sculptures – Lost Generation
Bei FLATZ taucht immer wieder das Thema Mobilität auf. Er ist ein leidenschaftlicher Motorradfahrer und hat einige seiner Kunstwerke aus der Reihe Lost Generation im harten Alltag zum Einsatz gebracht. Sei es ein fettes Muscle -Car, ein Willys Jeep, oder die stolze Armada an Motorrädern. Jedes dieser Produkte war zum Zeitpunkt seiner Erschaffung ein Statussymbol der mobilen Welt, mit dem sich deren Besitzer nur zu gerne profilierten. Doch FLATZ polierte diesen Fabrikationswundern förmlich die Fresse.
Warum tat er das? Immerhin achtet man doch nicht ohne Grund auf die schönen Dinge, welche man sich vom Lohn seiner harten Arbeit geleistet hat. Nun ja, auf den ersten Blick mag die Bearbeitung eines Gefährts nach schnöder Zerstörung aussehen, doch die Ergebnisse sind weitaus komplexer zusammengesteckt, als dies den Anschein hat. Lost Generation zeigt eine brutale und dennoch wunderschöne Optik, bei der man gerne den Blick ins Detail wagen darf. Es findet sich kaum ein Teil, welches der Künstler nicht in den Pfoten hatte, um es in einen, nennen wir es Alternativzustand, zu versetzen. FLATZ bricht also mit voller Absicht und Kalkül den Wert des Produktes, um ihm einen neuen, künstlerischen zu verleihen. Und mal ehrlich, was ist cooler? Eine gepflegte Original-Gummikuh aus den 80ern, oder das Brutalo Bike "IRON BULL", welches FLATZ nicht nur im Alltag, sondern auch im Thriller "Der kalte Finger" als Einsatzfahrzeug des Bösewichts einsetzte?
Auf zum Zentrum der Inspiration
Bei unserem zweiten Besuch reisten wir nach München. Dort wohnt FLATZ seit 1975. MotoMonster war eingeladen, um des Künstlers kreativen Schaffensraum zu begutachten – das Atelier! Ein unscheinbarer Verschlag auf der Prater Insel ist unser Ziel. Dort angekommen tauchen wir in eine Welt ein, die von außen kein Mensch vermutet hätte. Ein großer Raum mit kalkweiß gestrichenen Wänden, auf dem Fußboden der nackte Estrich und unzählige Dinge, die von der Decke und den Wänden hängen. Ein Schlaraffenland für Sammler, Waffennarren und für jeden, der früher gerne in verbotenen Schubladen der Eltern gewühlt hat. Auf mehreren Tischen verteilt liegen Erinnerungsstücke, Utensilien vergangener Aufführungen und Bruchstücke kommender Werke.
Von hier aus waltet der Künstler und bearbeitet seine Werke unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Bei ein paar Tassen Tee, welche uns die notwendige Ruhe verleihen, klärt FLATZ uns über die Vielseitigkeit seiner Arbeit auf. Neben den Performances und der Arbeit an seinen Skulpturen, verfällt er nämlich auch immer wieder in Malerei, Musik, Schauspiel und Fotografie um seiner Weltanschauung Ausdruck zu verleihen. Mit am beeindruckendsten fanden wir jedoch die Erzählungen zu seinem Werk "Hitler ein Hundeleben".
Des Menschen bester Freund
FLATZ nahm die ersten sechs Lebensjahre seines treuen Gefährten, einer Deutschen Dogge mit dem Namen Hitler, zum Anlass, ein Kunstwerk daraus zu machen. Blanke Provokation, durch welche er von der einen Seite zum Nazi abgestempelt wurde, während er von denen, die er damit viel mehr provozieren wollte, konkrete Morddrohungen erhielt. Die hirnlosen Holocaust-Verneiner / Befürworter sahen diese Vorgehensweise als Blasphemie an. FLATZ verhöhnte die öffentliche Angst davor, dass dieser Name laut ausgesprochen wird und referierte mit einem hämischem Grinsen über einige ganz spezielle Erlebnisse. Dieser Spott in Richtung seines wahnsinnigen Landsmanns ist aber nicht neu und wird andernorts genau richtig verstanden, ohne dass kleinen Kindern im Park die Ohren zugehalten werden, wenn das Herrchen nach dem Köter ruft. Der britische Feldmarschall Bernard Montgomery taufte seine Hunde zu Zeiten des zweiten Weltkrieges schon Hitler und Rommel.
Was heute von Hitler, dem Kunstwerk, übrig geblieben ist? Viele schöne Bilder mit lustigen Titeln, die FLATZ im gesamten Atelier verteilt hängen hat und ein Gefäß voller Formaldehyd, in welchem Hitlers Eier aufbewahrt sind.
Resümee
Jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Kunstwerke ihm gefallen. MotoMonster war auf alle Fälle beeindruckt, mit wie viel Ehrgeiz FLATZ sich darum bemüht, die Menschen vor den Kopf zu stoßen. Wir sind der Meinung, dass er die Leute eigentlich nur wachrütteln möchte, um einen neuen Blick auf die Realität zu wagen. Doch für einen nicht ganz kleinen Teil der Erdbevölkerung rüttelt der nunmehr 59-jährige Mann noch bis zum heutigen Tage ein wenig zu heftig.
ÜBERSICHT ALLER BERICHTE DER AUSGABE 3/2011
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